Freitag, 30. März 2007

Gottesdienstleistungsunternehmen

Das SZ-Magazin bringt heute einen herrlich bissigen Artikel, der kritisiert, dass "die Kirche" das Christentum lediglich als Wohlfühl-Religion vermarkte. Ein paar Auszüge:
Jesus lebt. Aber es scheint, als könne das Feuer dieses Satzes niemanden mehr entzünden. Wenn der Satz geglaubt würde, müssten den Christen eigentlich Flügel wachsen, die Gemeinden müssten vor Kraft strotzen, ihre begeisterten Mitglieder müssten an Ostern durch die Straßen rennen und jedem ins Ohr brüllen: »Gott lebt! Wirklich, er lebt!« Stattdessen stehen sie mit allen anderen im Stau auf der Autobahn.

Allen Ernstes betrachten sich die Kirchen heute als Unternehmen auf dem Sinnstiftungsmarkt […] Der Gottesdienst mutiert zum Kundendienst. Die von Ratzinger beschworene »altmodische Frage nach der Wahrheit des Christentums« wird nicht mehr gestellt. Es geht nicht mehr um Erleuchtung, es geht bestenfalls um die richtige Beleuchtung: Welche neuen Gottesdienstformen, Liturgien, Events locken den modernen Konsumenten in die Showrooms der Kirche? Welche gefühligen Taufzeremonien, welcher professionelle Kommunions- und Konfirmations-Service, welche rauschenden Hochzeits-Events und schicken Selbstfindungspartys könnten die Kirche wieder massenkompatibel und den Kunden spendenbereit machen?

Die Kirche als Gottesdienstleistungsunternehmen. […] Wir erleben zurzeit, wie die einst unverkäufliche Kreuzesbotschaft von ihren Verkündern umfunktioniert wird zur stromlinienförmigen Wellness-Religion. »Bleib deinen Träumen auf der Spur«, »Finde Quellen innerer Kraft«, »Sei im Einklang mit dir selbst«, »Finde zum Grund des eigenen Lebens« – so steht es geschrieben in den Werbebroschüren zu Meditationswochenenden und für den Aufenthalt im »Kloster auf Zeit«, in kirchlichen Durchhalteblättchen und innerlichkeitstriefenden Büchlein über lässiges Seelengebaumel. Die Einladung zum Tanz ums Goldene Selbst. […] Wenn die letzten Gläubigen merken, dass statt Wahrheiten nur noch Worthülsen, statt Botschaften nur noch Bibelhäppchen verabreicht werden, was bleibt dann übrig von der Kirche? Nicht viel.

Hier gibt es den ganzen Artikel (3 Teile! Die Autorennennung nach dem ersten Teil verwirrt etwas). Dass die SZ der Kirche mal die Leviten lesen würde, hätte wohl auch kaum jemand gedacht ...

Sonntag, 25. März 2007

Kleinkarierter Konflikt?!


In meiner Heimatgemeinde ging es heute im 6. Teil der Predigtserie „Liebe in Aktion“ um das Thema „Wenn Beziehungen durch Schwierigkeiten gehen“; der inhaltliche Schwerpunkt lag auf dem Aspekt „Konflikte unter Christen / in der Gemeinde“.
Die Trennung von Paulus und Barnabas (Apg 15,35-41) ist da lehrreich: Nach der Klärung einer schwerwiegenden theologischen Streitfrage auf dem Jerusalemer Apostelkonzil will Paulus zu seiner zweiten Missionsreise aufbrechen. Er will in den frisch gegründeten Gemeinden nach dem Rechten sehen. Barnabas stimmt zu. Die beiden sind ein bewährtes und vom Heiligen Geist zusammengestelltes Team.
Doch es kommt zum Streit über die Frage, ob sie Johannes Markus, der sie auf der ersten Missionsreise unvermittelt im Stich gelassen hat, eine zweite Chance geben sollen. Das Dream Team bricht auseinander.

Ganz klar: Es knirscht und kracht auch unter Christen. Die Geschichte macht aber auch deutlich: Versöhnung ist möglich. Paulus und Barnabas haben nach diesem Streit vermutlich nicht mehr zusammen an einem Ort gearbeitet. Aber: in seinen Briefen nimmt Paulus hier und da so Bezug auf Barnabas und auf Johannes Markus („eine große Hilfe“), dass man merkt: die Bitterkeit ist verschwunden. Es kann etwas dauern, aber die Liebe, die sich nicht erbittern lässt (1. Kor 13,5), gewinnt auf lange Sicht die Oberhand. Wenn wir sie lassen.

Den Gottesdienstzettel mit den Kerngedanken der Predigt und 7 praktischen Tipps, wie Konflikte gelöst / vermieden werden können, gibt es hier.
[Nachtrag 3. Mai 2007: Hier gibt es die Predigt als mp3 zum Anhören.]

Freitag, 23. März 2007

Frischluft



Wir sind zurück aus dem Kurzurlaub. Eine Woche waren wir in Cuxhaven, um uns den Kopf und die Nasen frei pusten zu lassen.

Frage: Was passt in eine Woche Nordsee? Antwort: u.a. 3x Schwimmbad, 42x umziehen, 12 Frühstücks-Croissants, eine Rolle Smarties, ca. 35 Windeln, unzählige Nudeln, einige „Lauras Stern“-Geschichten, ein Gottesdienst in der FeG Cuxhaven (tolle Kinderarbeit!), zu viele Kuchenstücke, zu wenige Tageszeitungen, ein Buch, ein paar Bockphasen, Sand in den Schuhen (bei allen), Sand in der Windel (bei Katharina), Sand in den Haaren (bei allen außer natürlich bei mir), viel Regen, Wind, Sturm, sogar ein wenig Schnee (!). Und am letzten Tag endlich warme Sonne. Und ein paar Augenblicke in einem offiziell noch gar nicht mietbaren Strandkorb.



Es gilt, wie für Besuch („Schön, wenn er kommt. Und schön, wenn er geht“): Es ist schön, in Urlaub zu fahren. Und schön, zurück zu kommen.

Freitag, 16. März 2007

Selbstportrait


Das bin ich - wie man eindeutig sieht. Als Legofigur, geschaffen mit diesem tool. Schade, dass man sich nicht gleich auch online als Plastikfigur bestellen kann, dann könnte man Legofiguren statt Fotos an Freunde und Verwandte schicken ;-)

Donnerstag, 15. März 2007

Optionstöne


Textkritische Forschung hat festgestellt, dass etliche bekannte und beliebte Gemeindelieder im Lauf der Zeit durch die mündliche Überlieferung und das Abschreiben von Hand verfälscht worden sind. Hier und da gelingt es den Experten jedoch, den ursprünglichen Wortlaut zu rekonstruieren. Hier als Beispiel die geringfügig abweichende ursprüngliche Textvariante des Liedes "Lobe den Herrn meine Seele, und seinen heiligen Namen. Was er dir Gutes getan hat, Seele, vergiss es nicht ...". Im Originalzustand heißt es:

Refrain
Lobt Gott nicht nur mit den Texten!
Preist ihn mit Quarten und Nonen
großen Septimen und Sexten!
Da gibt`s doch tausend Optionen.


Grundton, Quinte und Terz
Müssen nicht dreistimmig bleiben
Freude, Dank oder Schmerz
Kann man noch besser beschreiben.


1.
Glaubt ihr die Mauer von Jericho
Fiel wegen Josuas Tremolo?
Sieben Trompeten
Gesangsinterpreten
Das waren verminderte Quinten!
(Josua 6)

2.
Denkt an die Zither in Davids Hand
Wisst ihr, wie Saul seinen Vortrag fand?
Er wurde locker,
doch fiel er vom Hocker
bei Davids vertrackten Synkopen
(1. Samuel 16)

3.
Mose, das ganze Volk Israel
improvisierte am Schilfmeer schnell.
Schlaginstrumente
die setzten Akzente
Und Miriam sang noch ein Solo!
(2. Mo 15)

(Hartwig M. zu Ehren, der sich nicht durchgehend die großen Septimen, Nonen und Sexten verkneifen kann, wenn er die Gemeinde am Klavier begleitet. Aber es gilt: „Ja, Gott hat alle Töne lieb. Jeden Ton im Jazzakkord …“.)

Sonntag, 11. März 2007

Prof. Dr. Nikodemus


Heute habe ich im Abendmahlgottesdienst der EFG Rheda-Wiedenbrück über das Nikodemus-Gespräch gepredigt (Joh. 3). Der fromme Pharisäer Nikodemus, ein populärer Theologieprofessor mit viel Einfluss (Mitglied des obersten jüdischen Gremiums zur Entscheidung religiöser und rechtlicher Fragen), will Jesus persönlich ein wenig auf den Zahn fühlen. Er will sich aus erster Hand ein Bild von Jesus machen; will in einem ruhigen, ungestörten Gespräch (deshalb Nachts) klären, was dahinter steckt. Er startet höflich mit einem Kompliment.
Jesus aber kommt direkt zur Sache: „Nikodemus, du tust so unbeteiligt. Es geht nicht um das Verständnis heiliger Texte – Hier sitzt der Autor der biblischen Schriften vor dir! Hier geht es um dich und mich. Es geht nicht um ein Beobachten, ein theoretisches Beurteilen von Gottes Wirken. Entscheidend ist, ob du ein Teil von Gottes Reich bist! Was biologisch-menschlich geboren wird, bleibt immer menschlich und passt nicht in Gottes Reich. Du passt nicht in Gottes Reich!“.
Das Gespräch zwischen Nikodemus und Jesus geht richtig los, als die wirklichen Fragen auf den Tisch kommen! Nikodemus wollte Jesus doch nur durch ein Gespräch ein wenig abtasten – und jetzt „packt“ Jesus ihn persönlich. Nikodemus wollte Jesus ein paar Fragen stellen – und Jesus stellt sein bisheriges Leben komplett in Frage. Nikodemus suchte Antworten – und findet sich in einer Situation wieder, wo er Jesus eine Antwort geben muss!
Das Gespräch endet offen. Nikodemus taucht noch zweimal im Johannes-Evangelium auf (Joh. 7, 50f: er plädiert für einen fairen Prozess; Joh 19, 38ff: er bestattet Jesus würdevoll und drückt dabei deutlich seine Bewunderung aus). Doch es bleibt unklar: Hat er sich für einen tatsächlichen Neuanfang in der Beziehung zu Gott entschieden? Empfand er nur Sympathie und Respekt, oder war der Funke tatsächlich übergesprungen?

Hier gibt es den Gottesdienstzettel mit den Kerngedanken der Predigt.
[Bildnachweis: kirchensite.de]

Mittwoch, 7. März 2007

NGÜ online

Ich weiß, ich weiß, den Meisten erzähle ich nichts Neues. Aber ich habe in letzter Zeit gemerkt, dass es sich noch nicht in alle Ecken durchgesprochen hat. Also hier noch einmal der heiße Tipp: die bislang übersetzten Texte der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ) sind komplett online (rechts auf dieser Seite). D.h. man braucht für Folien, Andachten etc. nicht mühsam den Text abzutippen, sondern kann problemlos ganze Passagen herauskopieren und weiter verwenden.

Besonderer Clou: die Internetseite der NGÜ bietet neben dem bekannten Material (letzter Print-Stand: NT-Teilausgabe „NGÜ 2003“) zusätzlich noch den Epheserbrief, den Kolosserbrief und den Brief an Philemon.

Ich kann die NGÜ nur wärmstens empfehlen. Oft stellt sich beim Lesen dieser Übersetzung ein regelrechter Aha-Effekt ein, „altbekannte“ kompliziert scheinende Texte werden auf einmal verständlicher.

Montag, 5. März 2007

Verhältnis FeG – Brüdergemeinden


Kaum etwas kann trennender sein als gemeinsame Wurzeln. Das Verhältnis zwischen den Freien evangelischen Gemeinden (FeG) und der „Christlichen Versammlung“ (CV) in Deutschland jedenfalls war über Jahrzehnte von deutlichen Spannungen geprägt – trotz ähnlicher Herkunft, ähnlicher Lehre und zeitweise enger Zusammenarbeit der Gründungsfiguren im Vorfeld.

Der „Schriftenstreit“, den Vertreter beider Gruppen zwischen 1911 und 1915 miteinander führten, stellte den Höhepunkt dieser Auseinandersetzung dar. Für bruederbewegung.de habe ich die wesentlichen Stationen des Schriftenstreits näher erläutert und die Darstellung in eine übergreifende Betrachtung des Verhältnisses zwischen den FeG und der CV eingeflochten. Auch wenn das während des teilweise hitzig und persönlich geführten Schriftenstreits wohl niemand vermutet hätte, näherten sich zwei Jahrzehnte später Gruppierungen der Brüderbewegung und der Bund der FeG so sehr an, dass sie kurz davor standen, in einem gemeinsamen Bund aufzugehen.
Hier kann der ganze Artikel nachgelesen werden; die wichtigsten Dokumente stehen ebenfalls als Download zur Verfügung.

Freitag, 2. März 2007

Gegenteilige Effekte


Ich hatte mich letztes Jahr einmal mit „gegenteiligen Effekten“ in der Bibel beschäftigt. Einmal bezogen auf unser Verhältnis zu Gott (z.B.: „Wir werden gesund durch Jesu Wunden“; „Wir sind über einen Verfluchten gesegnet“). Andererseits bezogen auf Unterschiede zwischen menschlichen und göttlichen Maßstäben (z.B. „Wir gewinnen das Leben, wenn wir es aus der Hand geben“; „Vermeintliche ‚Schwäche’ macht Glaubende stark“).

Jetzt sehe ich, dass der methodistische Evangelist Friedhold Vogel (1937-2006) in seinem Buch „Botschaften vom Kreuz“ (beim letzten Westerwaldbesuch für 2,95 EU in der Restekiste des NLZ-Shops in Wölmersen ergattert ;-) aus dem Jahr 2000 einen ähnlichen Faden spinnt. Er untersucht anhand der letzten Worte Jesu gegenteilige Effekte seines Lebens und Sterbens und findet prägnante Überschriften:
Der Verurteilte begnadigt (Lk 23, 33f)
Der Einsame verbindet (Joh 19,25-27)
Der Sterbende gibt Leben (Lk 23, 32f + 39-43)
Der Verlassene versöhnt (Mk 15,33f; 2. K. 5,21)
Der Allmächtige bittet (Joh 19,28f)
Der Verlierer gewinnt (Joh 19,30)
Der Hilflose befiehlt (Lk 23, 44-46).

Rudolf Westerheide schreibt übrigens im Vorwort treffend: „Der Tod Jesu war nicht einfach der Abschluss seines Lebensweges, sondern in seinem Sterben vollzog sich das, wofür er überhaupt auf dieser Erde gelebt hatte. Die letzten Worte, Taten und Gesten des Gottessohnes waren nicht der Ausklang seines eigentlichen Lebens, sondern sie waren das Eigentliche seines Lebens. […] Darum haben die sieben Sätze Jesu am Kreuz solch ein ungeheures Gewicht. In ihnen verdichtet und vollendet sich alles, was Jesus während seine Lebens gesagt und getan hat.“